Sauna
Lernen von den Finnen: Würstchen in der Sauna sind erlaubt, gemischtes Schwitzen dagegen nur in Ausnahmesituationen.
Spätestens seit der Aufregung in Bayreuth müssen wir uns wohl damit abfinden: In einer Zeit, in der die Schweißflecken von Angela Merkel ganze Zeitungsseiten füllen und feuchte Handflächen mit Botox lahmgelegt werden, darf man nur noch in der Sauna den Drüsen freien Lauf lassen. Hier gibt es keine knebelnden Konventionen. Eigentlich.
Denn die Deutschen wollen sich nicht gehen lassen, nicht einmal im Schwitzbad. Schon beim Betreten macht er seine typische Handbewegung: Er dreht die Sanduhr um. Welche gleich neben den Verbotsschildern "kein Schweiß aufs Holz!" und "bitte Ruhe!" hängt. Bis genug Sand gerieselt ist, wird schwer geatmet und stumm auf das Handtuch getropft.
Das Volk der Denker saunt, wie es sich gehört. Andere nehmen die Transpiration lockerer: "Manche Menschen leben ruhiger, wenn sie sehen, daß es Regeln gibt. Für uns Finnen aber gilt: Gut ist, was guttut", sagt Matti Kivinen, Vorsitzender der internationalen Sauna-Gesellschaft. Deswegen gibt es dort keine Verbotsschilder, keine Aufgüsse zur vollen Stunde - und schon gar keine Uhren. Man grillt lieber Würstchen auf dem Saunaofen und trinkt zur Abkühlung ein paar Biere zwischen den Gängen.
Finnen wachsen eben bereits mit dem Aufgusseimer in der Hand auf, ein Saunagang ist für sie so aufregend wie Zähneputzen. Mittlerweile hat das Land so viele Schwitzkästen, daß alle Einwohner gleichzeitig schwitzen gehen könnten und trotzdem nur jeweils vier Menschen in einem Raum beisammen säßen. Und weil kein Finne lange ohne sein kann, steht in Lübeck eine Raststätten-Sauna für desperate Fernfahrer, und selbst in die Wüste Sinai nahmen finnische UN-Vertreter ein Schwitz-Zelt mit.
Im Vergleich dazu sind wir blutige Anfänger. Bei uns begann die Hitzewelle erst 1936, als finnische Athleten sich in Berlin eine Sauna ins olympische Dorf bauen ließen. Allein seit 1997 kamen fünf Millionen unerfahrene Brüder und Schwestern im Schweiße zu den heute rund 30 Millionen deutschen Saunafans dazu. Ihr Vorteil: Sie werden seltener krank, das beweisen über 800 Studien.
Saunabesucher bekommen eine Art künstliches Fieber. Die Körpertemperatur steigt um gut ein Grad, Erreger werden zerstört. Allerdings wirkt die Schwitzkur nicht sofort. Nur wer ein Vierteljahr lang regelmäßig geschwitzt hat, ist besser geschützt als vorher. Muskeln und Verspannungen lockern sich aber zum Glück sofort.
Trotzdem haben Frischlinge oft Angst, in der Sauna den Hitzetod zu erleiden. "Die Deutschen haben Respekt vor der Wärme", sagt Rolf-Andreas Pieper vom Deutschen Sauna-Bund.
Und so machen wir uns im Saunabereich wahrscheinlich mehr Gedanken als nötig: "Hätte ich eigentlich etwas zu trinken mitnehmen sollen?" Im Ruheraum überlegen wir: "Wie lange muß ich hier liegen, damit ich keinen Kreislaufkollaps bekomme?" Und sitzt eine Schwangere in der Sauna, befürchten wir, ihrem Baby könnte es im Fruchtwasser zu heiß werden. Der deutsche Sauna-Bund hat auf alles eine Antwort: Das Schwitzbad bringt erst ab 80 Grad Celsius etwas für die Gesundheit. Zwei Gänge sind besser als einer, drei optimal. Acht bis 15 Minuten sollte man durchhalten. Längeres und häufigeres Saunen macht eher schlapp. Für den Ruheraum gibt es keine Zeitangaben. In eine Decke gehüllt, könnte man es dort zwar Stunden aushalten, muß man aber eigentlich nicht. "Saunabaden ist nicht so anstrengend, daß man sich hinlegen müßte", sagt Pieper.
Für den Kreislauf sei es ungefähr so anstrengend wie Treppensteigen. Statt in den Ruheraum sollte man besser an die frische Luft gehen. Und zwar ungefähr so lang wie man geschwitzt hat. Denn Sauerstoff kann der Körper nach der Sitzung in dem kleinen Kabuff gut gebrauchen. Ob danach eine Dusche, Schlauch oder Schwallbrause den Körper abkühlt, ist egal. Schwangere sollten lediglich nicht ins Tauchbecken steigen. Ansonsten schaden ihnen Wechselbäder aber nicht. Sie sollen sogar die Geburt verkürzen und die Muttermilchproduktion steigern.
Eine andere Sorge von Frauen ist leider nicht ganz aus der Welt zu schaffen: Für Menschen, die unter kleinen roten Äderchen, Couperose oder Besenreisern leiden, eignen sich Saunabäder weniger. "Wer dazu neigt, sollte besser im Dampfbad Platz nehmen", empfiehlt der Münchner Dermatologe Hans-Peter Schoppelrey. Und Pieper rät: "Legen Sie sich beim Schwitzen hin oder, wenn das aus Platzgründen nicht geht, wippen Sie mit den Füßen wie ein Musiker. So findet ein guter Rückstrom des Blutes zum Herzen statt."
Ansonsten macht die Wärme aber uneingeschränkt schön. Hautschüppchen weichen auf und lösen sich beim Abrubbeln mit dem Handtuch wie bei einem Körperpeeling. Außerdem wird die Haut besser durchblutet. Selten sieht das Gesicht so frisch aus wie nach einer Schwitztortur. Vor allem Raucher können so etwas gegen ihren gräulichen Teint tun.
Die Vermutung, Cremes würden die erhitzte Haut verstopfen, ist übrigens eine Mär. "Gerade nach der Sauna wird Feuchtigkeit besonders gut aufgenommen", so Schoppelrey. Wo hingegen Seife nach dem Saunieren völlig überflüssig ist. Das finnische Militär schickte im Krieg seine Soldaten, wenn diese lange Zeit ihre Unterwäsche nicht hatten wechseln können, sogar zu Desinfektionszwecken in Zelt-Saunen.
Leider ist auch die Annahme, man könne durchs bloße Schwitzen abnehmen, falsch. Die verlorengegangenen Pfunde sind nur Wasser. Dafür wird der Körper Giftstoffe los und entschlackt. Allerdings nicht, wenn man vor oder während der Gänge trinkt. Dann zieht der Körper zunächst die Flüssigkeit aus dem Magen und nicht aus dem Gewebe. Also an diese Regel halten: Erst nach dem letzten Gang zur Flasche greifen - egal ob Bier oder Wasser.
Mit Wasser muß auch am Ofen nicht hantiert werden. Der Aufguß, die Königsdisziplin des Saunens, ist absolut überflüssig. Der Dampf und das Wedeln mit dem Handtuch mägen eine beeindruckende Show sein, gesundheitlich bringt das Ganze nichts. Wenn Sie dennoch nicht darauf verzichten möchten, wahren Sie wenigstens die Sauna-Etikette: nie einen Aufguß machen, ohne die anderen im Raum zu fragen (außer Sie sind der Saunameister und es ist Ihr Job). Auch sollten Sie nie schweißgebadet ins Tauchbecken springen (außer Sie wollen Keime züchten) und sich, wie leider viele Männer, demonstrativ den Schweiß auf dem Körper verreiben (außer Sie sind allein in der Sauna).
In einem Punkt sind wir übrigens doch entspannter als die Finnen: bei der Geschlechtertrennung, meint die finnische Studentin Janika Tasala. "Zusammen in die Sauna, das machen wir nur, wenn wir betrunken sind."



